Strategie ist Richtung, nicht Tempo
Vier verborgene Kräfte und zwei Grundfragen vor jeder Planung: Für wen genau, welche Veränderung? Warum der teuerste Irrtum lautet, ich muss es nur noch bekannt machen.
Fast jede Planung, die ich kenne, beginnt beim Tempo. Wie schaffe ich diese Woche mehr, wie werde ich schneller, wie poste, versende, veröffentliche ich häufiger. Das fühlt sich nach Fortschritt an, weil sich etwas bewegt. Nur nützt hohe Geschwindigkeit nichts, wenn die Richtung falsch ist. Wer den falschen Berg besteigt, klettert vergeblich, egal wie gut seine Technik ist.
Strategie ist die Richtung, nicht das Tempo. Und Richtung klärt man nicht mit einem To-do-Plan, sondern mit zwei Fragen, die man fast immer überspringt: Für wen genau bin ich hier? Und welche Veränderung suche ich? Alles, was man Taktik nennt, das Posten, das Klicken, das Optimieren, kommt danach und erledigt sich fast von selbst, sobald diese beiden Fragen sauber beantwortet sind.
Ich baue OrbitOS allein und habe früh gelernt, dass mein teuerster Fehler nicht zu wenig Aktivität war, sondern viel Aktivität in eine ungeklärte Richtung. Deshalb schreibe ich hier über Strategie nicht als Ziel-Tabelle, sondern als das, was sie eigentlich ist: eine Philosophie des Werdens.
Das Symptom: du bist beschäftigt und kommst nicht vom Fleck
Du erkennst es an einer bestimmten Sorte Müdigkeit. Du arbeitest viel, deine Wochen sind voll, und trotzdem hast du das Gefühl, auf der Stelle zu treten. Die Zahlen bewegen sich kaum, und wenn du ehrlich bist, könntest du nicht klar sagen, wen genau du eigentlich erreichen willst und was sich für diesen Menschen ändern soll.
Achte auf einen bestimmten Satz, der dir immer wieder herausrutscht: Ich muss es jetzt nur noch bekannt machen. Das Produkt steht, die Seite ist gebaut, es fehle bloß die Sichtbarkeit. Dieser Satz klingt harmlos und ist der teuerste Irrtum überhaupt. Denn meistens heißt er, dass du den harten Teil nicht getan, sondern auf ein Wunder gewartet hast. Bekannt machen ist keine Strategie, sondern die Hoffnung, dass der Markt schon merken wird, wie gut du bist.
Und dann ist da die Kundenfrage, die du nie ehrlich stellst. Du nimmst am Dienstag den mittelmäßigen Kunden an, weil das Geld gerade willkommen ist, und wunderst dich, dass deine Tage so aussehen, wie sie aussehen. Wer seine Kunden nicht wählt, bekommt die Zukunft, die zu diesen Kunden gehört.
Das Prinzip: vier verborgene Kräfte und zwei Fragen
Godin beschreibt Strategie über vier Kräfte, die fast immer unsichtbar bleiben und trotzdem alles bestimmen. Sobald du sie siehst, erledigt sich vieles von selbst.
Die erste sind Systeme. Ein System ist keine Person, sondern eine Ansammlung von Menschen, die sich anders verhält, als jeder Einzelne wählen würde. Es hat eine eigene Schwerkraft und verteidigt sich, und du siehst es erst, wenn du gegen seinen Sog anläufst. Wer im B2B verkauft, verkauft selten an den offensichtlichen Nutzer, sondern an jemanden in einer Hierarchie, der vor allem eine Story für seinen Chef braucht, warum er nicht in Schwierigkeiten gerät, falls es schiefgeht.
Die zweite ist Zeit. Man erntet keinen Wald, man pflanzt Bäume, und die Rechnung geht erst in Jahren auf. Jede Entscheidung ist ein Brief an dein zukünftiges Ich, und jedes Ja zu einer Sache ist ein leises Nein zu einer anderen, die du dann nicht verfolgst.
Die dritte sind Spiele. Nicht Gamification, sondern die schlichte Tatsache, dass jede Situation mit mehreren Menschen, knappen Ergebnissen und Regeln ein Spiel ist. Ein misslungener Zug bedeutet, dass du einen Zug gemacht hast, der nicht funktioniert hat, nicht, dass du ein schlechter Mensch bist. Wer so denkt, kann Neues wagen, denn Innovation trägt immer das Risiko, dass es nicht klappt.
Die vierte ist Empathie, und zwar nicht moralisch gemeint. Alles, was du baust, funktioniert nur im freiwilligen Tausch: Jemand will es mehr als sein Geld oder seine Zeit. Empathie heißt hier, glasklar zu sein, für wen etwas ist und warum diese Menschen es wollen. Man vergisst das ständig, weil man erschöpft von der eigenen Sache ist und Leute drängt, weil es einem selbst wichtig ist.
Über allem stehen die zwei Fragen, die vor jeder Planung kommen: Für wen genau, und welche Veränderung. Nicht ein Name, sondern was diese Menschen glauben, suchen, wollen. Und nicht ein Feature, sondern die Verschiebung, die du in ihrem Leben auslöst.
Taktiken wechseln ständig, die Strategie bleibt. Deshalb ist es so gefährlich, mit Taktik anzufangen. Man kann sehr geschickt die Axt schärfen und trotzdem den falschen Baum fällen.
Die Übung: deine Richtung in vier Schnitten
Das ist keine Jahresplanung, sondern eine Standortbestimmung. Sie dauert eine gute Stunde und verändert, worauf du danach deine Wochen richtest.
Schritt 1, heute (15 Min)
Schritt 2, heute (15 Min)
Schritt 3, heute (10 Min)
Schritt 4, diese Woche
Der nächste Schritt
Ich schreibe das als jemand, der lange dem Tempo hinterhergelaufen ist. Es hat mich beruhigt, viel zu tun, weil Beschäftigung sich nach Fortschritt anfühlt. Erst als ich stehen blieb und die zwei Fragen ehrlich beantwortete, habe ich gemerkt, wie viel Aktivität in die falsche Richtung gelaufen war. Das war unbequem, weil es leichter ist, schneller zu rudern, als das Boot zu drehen.
Und ich will nicht so tun, als sei Strategie ein einmaliger Akt, nach dem alles klar ist. Die zwei Fragen beantwortet man nicht einmal, sondern immer wieder, weil sich der eigene Blick schärft und der Markt sich bewegt. Was heute die richtige Richtung ist, kann in einem Jahr eine Nuance daneben liegen. Deshalb ist Strategie eine Philosophie des Werdens und kein Haken auf einer Liste.
Bevor du also deine nächste Taktik planst, das nächste Format, den nächsten Kanal, die nächste Kampagne, halt kurz inne und prüf, ob deine Richtung überhaupt steht. Sehr oft sitzt der eigentliche Engpass nicht im Tempo, sondern eine Ebene darüber, bei der Frage, für wen du eigentlich da bist und welche Veränderung du suchst. Finde zuerst heraus, wo dein echter Engpass sitzt, dann lohnt sich jede Taktik, die du darauf richtest.